29/05/2026
13. Etappe Pettneu-Klösterle ca. 26km
Heute endlich die Königsetappe – der Arlberg! Wie hatte ich mich schon auf diesen Tag gefreut, aber auch ein bisschen Bammel wegen der Länge und der Höhenmeter mit dem schweren Rucksack und vor allem der unsicheren Schneelage.
Wir haben die letzten Wochen immer wieder die Webcams gecheckt. Es lag schon noch viel Schnee, aber dafür war es die letzten Tage auch brutal heiß gewesen, mit 15–20 °C in St. Christoph. Jeder Einheimische auf dem Weg hierher hat etwas anderes gesagt: „Jo freili mogst drüber gehn“, „Na, kimmst ned drüber, is no allaweil vü Schnee“ – von allem war etwas dabei. Worst Case wäre die Alternative über die Straße oder, wenn’s gar ned geht, mit dem Bus rüber und dieses Teilstück im Herbst nachholen. „Safety first“ musste sogar Jürgen zugeben.
Aber erstmal wieder einpacken, diesmal schon mit viel mehr System, fast alles hat seinen Platz gefunden. Kennt ihr das, wenn ihr glaubt, alles eingepackt zu haben, der Rucksack perfekt auf euren Schultern sitzt und dann entdeckt ihr noch was in der Wiese … uargh … Ich überlegte kurz, die Zahnpasta die nächsten acht Stunden einfach in der Hand zu halten.
Nach einem schnellen Frühstück verließen wir leider diesen wunderschönen Campingplatz. Herrliche Luft, traumhafter Fernblick und perfekte Wandertemperaturen begleiteten uns. Sehr weit kamen wir aber „leider“ nicht, bereits in St. Jakob erwartete uns die Trachtenmusikkapelle. Der freundliche Hausbesitzer, für den die Musi aufspielte, sah uns, rannte auf uns los und zack, brack – so schnell kannst gar ned schauen, hatten wir schon ein Seiterl und a Jausn in der Hand! Glücklich mampfend ratschten wir mit den Leuten und gingen mit leichten Füßen (no na … ein Seiterl um 09:00 Uhr früh) weiter Richtung St. Anton. Auch dort erwartete uns am 1. Mai die Musi. Ansonsten hatte dieser Wintertourismusort zwischen den Saisonen für mich den Charme eines Touristen mit Adidasschlapfen.
Im Kaffeehaus gab es dann noch ein zweites Frühstück, bevor wir den Aufstieg wagten. Die Einheimischen hier meinten, wir hätten Glück, und sie glauben schon, dass wir rüber können. Normalerweise würde noch Schnee liegen und die Leute noch Ski fahren. Tja, was soll ich sagen – wenn Engerln reisen halt …
Natürlich haben wir uns beim Verlassen von St. Anton noch zweimal verlaufen, aber dann ging es endlich die wunderschöne Rosannaschlucht entlang (oder wie Jürgen sie nannte "die enge Rosi"). Eine Wegbiegung kitschiger als die andere, bis wir oben wieder eine Asphaltstraße erreichten. Auch hier sind wir ca. 10 Minuten in die falsche Richtung abgebogen und kehrten schließlich um, bis zur Stiegeneckkapelle. Hinter der Kapelle ging im Wald ein kleiner Steig malerisch weiter bergauf, bis wir zum Maienweg kamen.Wie erwartet gab es hier südseitig nur mehr vereinzelt Schneefelder und wir konnten den Weg fortsetzen. Ein paar Serpentinen bergauf weiter – bääm – waren wir auch schon am Pass beim Maiensee. Da isser, der höchste Punkt des Camino.
Es ist schon ein tolles Gefühl zu wissen, dass von den Tausenden Menschen, die jedes Jahr den Camino gehen, nur wenige diesen Punkt erreichen, und ich erahnte langsam den Weg dernoch vor uns liegt. Ab hier, sobald wir die Bergseite wechselten, war er da: der Schnee. Teilweise versanken wir hüfthoch auf dem Weg nach St. Christoph und die Schönheit dieses Fleckchens liess sich unter dem ganzen Schnee nur erahnen. Sam wuzelte sich derweil freudig im Schnee und war begeistert von der Abkühlung. Mit Müh und Not konnte ich ihn davon abhalten, dass er in den teilweise noch gefrorenen Maiensee reinsprang.
St. Christoph ist nur eine Ansammlung toter Hotels – kein Leben, kein Café, keine Menschenseele. Wie gern hätte ich das Hospiz als Pilger betreten, wir zogen weiter Richtung Arlberg-Passhöhe, wo wir uns endgültig von Tirol verabschiedeten.
Hello Vorarlberg, das letzte Bundesland Österreichs auf unserem Weg in die Schweiz.
Auf der Passhöhe wurde es auch traurige Gewissheit: Nordseitig war der Weg unpassierbar. Hohe Schneewechten und Altschneefelder machten den Camino unmöglich begehbar.
Schweren Herzens machten wir uns auf der Bundesstraße auf den Weg nach Stuben und weiter nach Klösterle. Diese Kilometer auf der Straße waren schiach und schmerzhaft für uns alle Drei. Wir wurden von vielen Radfahrern, Motorrad- und Autofahrern leicht genervt überholt. Ich bemerkte, dass Sam mittlerweile unrund lief und Schmerzen hatte. In der Hoffnung, dass er einfach nur müde war, erreichten wir schließlic den Campingplatz in Klösterle. Diese Hoffnung sollte sich leider nicht bewahrheiten, aber dazu mehr in der nächsten Etappe.