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Urbexplorer Urbex - History - Dark Places

30/08/2026

30. August 1944. Plötzensee. Ein Gefängnishof in Berlin.

Ein General wartet auf seinen letzten Weg.

Carl-Heinrich von Stülpnagel.

Vor wenigen Wochen sah seine Welt noch völlig anders aus.

Paris, 20. Juli 1944.

In den Büros der deutschen Militärverwaltung klingeln die Telefone. Befehle gehen raus.

SS, SD und Gestapo werden festgesetzt.

Rund 1.200 Männer sitzen plötzlich hinter Gittern. Darunter Carl Oberg, einer der mächtigsten SS-Führer im besetzten Frankreich.

Für ein paar Stunden steht die Besatzungsmacht Kopf.

Die Männer, die normalerweise andere abholen lassen, werden selbst abgeholt.

Dann kommt eine Meldung aus Deutschland.

Hi**er lebt.

Damit ist alles vorbei.

Die Gefangenen kommen frei. Die Befehle werden zurückgenommen. Die Macht kehrt zu denen zurück, die sie vorher hatten.

Stülpnagel weiß, was jetzt kommt.

Auf dem Weg nach Deutschland hält er bei Verdun.

Ein Schlachtfeld, das er bereits aus dem Ersten Weltkrieg kennt.

Pistole.

Schuss.

Er überlebt.

Schwer verletzt, fast blind.

Dann Berlin.

Freisler.

Der Volksgerichtshof.

Todesurteil.

30. August 1944.

Plötzensee.

Der General wird erhängt.

Aber bevor man aus dieser Geschichte eine Widerstandslegende macht, lohnt sich der Blick zurück.

1941.

Stülpnagel führt die 17. Armee beim Angriff auf die Sowjetunion.

Kommissarbefehl. Massenerschießungen. Judenverfolgung. Vernichtungskrieg.

Stülpnagel steht auf der Seite der deutschen Kriegsführung.

1942.

Paris.

Militärbefehlshaber.

Geiseln werden erschossen. Die Résistance wird bekämpft. Menschen verschwinden in Gefängnissen und Lagern.

Und zwei Jahre später lässt derselbe General SS und Gestapo verhaften.

Genau hier wird die Geschichte unbequem.

Stülpnagel war Teil dieses Systems.

Später stellte er sich dagegen.

Beides gehört zu seiner Geschichte.

Und vielleicht sollte man einen solchen Ort genau deshalb nicht mit einer einfachen Heldenlegende verlassen.

Denn Plötzensee war am Ende nicht nur der Ort, an dem ein Widerstandskämpfer starb.

Hier endete das Leben eines Mannes, der lange genug an der Seite dieses Regimes gestanden hatte, um selbst Teil seiner Geschichte und seiner Schuld zu werden.

Wie würdet ihr ihn nennen?

Widerstandskämpfer?

Täter?

Oder beides?

Ich bin gespannt auf eure Meinung.

30/08/2026

DIE SCHWEBENDEN SÄRGE VON CHIATURA

Ich stehe in Chiatura und schaue nach oben. Über der Stadt hängen alte Seilbahnkabinen an rostigen Stahlseilen. Kleine Metallkästen, teilweise 150 Meter über dem Tal.

Chiatura verdankt seine Existenz dem Mangan. Ab 1872 wurde hier intensiv abgebaut. 1895 kam die Eisenbahn nach Poti und machte den Transport des Erzes wesentlich einfacher. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Chiatura zu den wichtigsten Manganregionen der Welt.

Dann kam die Sowjetunion.

1954 wurde die erste Personen-Seilbahn eröffnet. Danach entstand ein Netz aus bis zu 17 Linien. Die Bergarbeiter fuhren damit täglich von ihren Wohnvierteln zu den Minen und Fabriken. Für sie war das öffentlicher Nahverkehr. Für uns sehen die alten Kabinen heute eher wie fliegende Särge aus.

Und Stalin?

Seine Geschichte mit Chiatura begann schon vor der Revolution. Stalin hielt sich als Revolutionär in der Region auf und hatte Kontakte zu den Arbeitern und Minen der Stadt.

Heute steht man mitten in diesen Überresten.

Am alten Theater hängt noch immer ein Bild von Lenin und Stalin. Dahinter die Berge. Über der Straße die alten Seile. Darunter eine Stadt, deren industrielle Blüte längst vorbei ist.

Nach 1991 brach ein großer Teil der alten sowjetischen Industrie zusammen. Arbeitsplätze verschwanden, Anlagen verfielen und viele Seilbahnen wurden stillgelegt.

Einige dieser Konstruktionen hielten sich allerdings erstaunlich lange.

Die Sowjetunion verschwand vor 35 Jahren.

Die Seilbahnen blieben.

Wenn ich heute durch Chiatura laufe, sehe ich deshalb mehr als rostige Kabinen und verlassene Industrie. Hier kann man nachvollziehen, wie eine ganze Stadt für die Schwerindustrie gebaut und organisiert wurde.

Mangan aus dem Berg.

Arbeiter in die Mine.

Erz zur Eisenbahn.

Und alles verbunden durch diese Seilbahnen.

Heute hängt davon vieles nur noch als rostiges Gerippe über der Stadt.

Stalins Särge – einst Arbeitsweg, heute eines der ungewöhnlichsten Relikte der Sowjetunion.

Warst du schon mal in Chiatura und hast dir die Seilbahn angeschaut?

DER MANN, DER DIE RASSENGESETZE KOMMENTIERTE – UND SPÄTER IM KANZLERAMT SAß.Es gibt Geschichten aus der deutschen Nachkr...
29/08/2026

DER MANN, DER DIE RASSENGESETZE KOMMENTIERTE – UND SPÄTER IM KANZLERAMT SAß.

Es gibt Geschichten aus der deutschen Nachkriegsgeschichte, bei denen man zweimal hinschauen muss.

Hans Globke gehört für mich dazu.

1936 saß Globke im Reichsinnenministerium. Deutschland war längst auf dem Weg in die Diktatur. Die Nürnberger Gesetze waren beschlossen worden und machten aus rassistischer Ideologie geltendes Recht.

Globke schrieb gemeinsam mit Wilhelm Stuckart einen juristischen Kommentar zu diesen Gesetzen.

Gesetze müssen nicht nur beschlossen werden. Irgendjemand muss sie erklären. Wer gilt als „Jude“? Wer darf wen heiraten? Welche Menschen verlieren ihre staatsbürgerlichen Rechte? Welche Konsequenzen hat die rassistische Gesetzgebung im Alltag?

Der Kommentar von Stuckart und Globke half dabei, diese Bestimmungen juristisch einzuordnen.

Globke war also kein Mann, der irgendwo am Rand des Regimes saß und zufällig ein falsches Buch unterschrieben hatte.

Er arbeitete im Innenministerium eines Staates, der Menschen systematisch entrechtete.

Und dann kam 1945.

Deutschland lag in Trümmern. Das NS-Regime war besiegt. Die Verbrechen wurden sichtbar. Millionen Menschen waren ermordet worden.

Aber die Bundesrepublik brauchte Verwaltung, Ministerien, Juristen und erfahrene Beamte.

Und so tauchten manche alten Namen im neuen Staat wieder auf.
Hans Globke landete bei Konrad Adenauer.

1949 wurde er Mitarbeiter im Bundeskanzleramt. 1953 machte Adenauer ihn zum Staatssekretär und Chef des Bundeskanzleramtes.

Damit saß Globke nicht irgendwo im Hintergrund.

Er war einer der mächtigsten Männer der jungen Bundesrepublik.
Adenauer wusste natürlich von seiner Vergangenheit. Die Kritik an Globke begleitete seine gesamte politische Karriere.

Die DDR machte ihn zum Symbol für die angeblich ungebrochene Kontinuität zwischen NS-Staat und Bundesrepublik.
Aber auch hier wird die Geschichte kompliziert.

Globke war nicht Mitglied der NSDAP. Sein Aufnahmeantrag wurde 1943 abgelehnt. Es gab Hinweise auf Kontakte zu katholischen Widerstandskreisen. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er nicht angeklagt.

Das macht seine Geschichte nicht einfacher.
Es macht sie schwieriger.

Denn die Frage lautet nicht nur:
„War Globke ein Nazi?“

Die viel unangenehmere Frage lautet:
Warum konnte ein Mann, der an der juristischen Kommentierung der Nürnberger Rassegesetze beteiligt gewesen war, wenige Jahre später wieder ganz oben in der deutschen Staatsverwaltung stehen?

War es der pragmatische Wiederaufbau eines zerstörten Landes?
War es die damalige Vorstellung, dass Fachleute gebraucht wurden – unabhängig davon, wo sie vorher gearbeitet hatten?

Oder wurde dabei bewusst zu viel Vergangenheit beiseite geschoben?

Vielleicht muss man die Geschichte der frühen Bundesrepublik auch einmal aus dieser Perspektive betrachten.

Nicht nur als Erfolgsgeschichte des demokratischen Neubeginns.
Sondern auch als Geschichte voller Widersprüche.
1945 sollte etwas Neues entstehen.

Aber manche Menschen aus dem alten Deutschland standen plötzlich wieder mitten in der neuen Macht.

Und genau deshalb ist Hans Globke bis heute eine Figur, an der sich die Frage nach der personellen Kontinuität der frühen Bundesrepublik besonders deutlich entzündet.

Was denkst du: Hätte jemand mit dieser Vergangenheit überhaupt wieder ein Spitzenamt im neuen Deutschland bekommen dürfen?

Hinweis: Dieser Beitrag dient der historischen Aufarbeitung und Aufklärung über die Zeit des Nationalsozialismus. Er verherrlicht weder die dargestellten Personen noch deren Taten und Ideologie. Die Auseinandersetzung mit dieser Epoche ist wichtig, um aus der Geschichte zu lernen und Wiederholungen zu verhindern.



Blidquelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F015051-0008 / Patzek, Renate

28/08/2026

ARADO E 555 - Ein Flugzeug, das nie flog.

Ich stehe im Stollen, das Licht meiner Stirnlampe tanzt über nassen Beton, und neben mir steht ein 17 Jähriger, der bald sein Abitur schreiben will und mich fragt, ob hier wirklich Menschen gestorben sind, während sie diese Stollen für die Untertage. Verlagerung der Rüstungsproduktion gruben.

Ich muss ihm sagen: ja. Und mehr als das.

Letztes Wochenende war ich mit einem Leistungskurs Geschichte im Eulengebirge unterwegs. 12 Schülerinnen und Schüler, Abitur in Sichtweite, und ein paar Tage, an denen Geschichte nicht mehr zwischen zwei Buchdeckeln stattfindet, sondern einem kalt und dunkel entgegenkommt.

Man riecht sie förmlich.

Irgendwann sind wir bei der Arado E.555 gelandet. Ein Flugzeug, das nie flog.

Ab Ende 1943 wurde in Landeshut, dem heutigen Kamienna Góra, daran gearbeitet. Ein strahlgetriebener Langstreckenbomber in Nurflügelbauweise, rund 5.000 Kilometer Reichweite, vier Tonnen Bombenlast. Eine Variante mit sechs BMW 003 Strahltriebwerken sollte bis zu 860 km/h schaffen, eine andere sogar 7.500 Kilometer weit fliegen können theoretisch bis über den Atlantik.

Aber bevor überhaupt eine Schraube für dieses Flugzeug gedreht wurde, mussten erst die Stollen entstehen, in die man die Projektteams vor den alliierten Bombern in Sicherheit bringen wollte. Genau das war der Sinn dieser Untertage Verlagerung: Forschung unter die Erde holen, dahin, wo keine Bomben mehr hinkamen.

Zunächst waren es Zwangsarbeiter, die dafür den Fels aufbrachen. Ab Sommer 1944 dann Häftlinge eines eigens errichteten Außenlagers des KZ Gross Rosen, mitten in Landeshut. Sie schleppten Loren durch die Dunkelheit, viele Stunden am Tag. Nicht wenige von ihnen haben diese Stollen nie wieder verlassen.

Und dann steht man selbst da unten, mit einer Schulklasse, und merkt, wie still es plötzlich wird. Keine Handys. Kein Gerede. Nur Tropfen, die irgendwo im Dunkeln auf Wasser fallen und das Wissen, dass genau an dieser Stelle Menschen für eine Verlagerung gestorben sind, deren Ergebnis am Ende nicht einmal als Prototyp existierte.

Der Krieg war längst verloren, das wusste im Grunde jeder, der noch klar denken konnte. Und trotzdem saßen irgendwo in Niederschlesien Ingenieure an Reißbrettern und rechneten Flugweiten aus, während unter ihren Füßen Menschen für genau diese Idee starben.

Gebaut wurde am Ende nichts. Am 22. Dezember 1944 wurde das Projekt eingestellt. Einen Prototypen hat es nie gegeben.

Ich habe diesen Schülern keine fertige Antwort mitgegeben. Ich konnte ihnen nur den Ort zeigen, die Fakten, die Geschichten und dann zusehen, wie in ihren Gesichtern etwas passiert, das kein Schulbuch auslösen kann. Man sieht förmlich, wie ihnen klar wird: Hier stand keine abstrakte Zahl aus dem Geschichtsbuch. Hier stand Beton, den Menschen unter Zwang und Todesangst für eine Verlagerung gegraben haben, die am Ende nichts als leere Stollen hinterließ.

Mich lässt eine Frage nicht los, seit ich aus diesem Stollen wieder ans Tageslicht gekommen bin: Was muss in den Köpfen der Menschen vorgegangen sein, die 1944 noch an Bombern arbeiteten, während gleichzeitig, nur wenige Meter entfernt, Menschen an Erschöpfung und Zwangsarbeit starben?

Ich habe keine Antwort. Aber ich glaube, genau mit dieser Frage sollte man aus so einem Stollen wieder herauskommen. Und genau deshalb mache ich diese Fahrten mit Schulklassen so gerne nicht weil ich ihnen etwas erkläre, sondern weil sie anfangen, selbst zu fragen.

28/08/2026

Er sollte die Spuren seines Führers vernichten. Stattdessen wurde er selbst zur Spur

Berlin, Ende April 1945. Draußen zerfällt das Reich in Trümmer. Im Bunker unter der Reichskanzlei spricht niemand mehr von einem Sieg. Es geht nur noch um den letzten Ausweg.

Mittendrin: Otto Günsche. Sturmbannführer der SS, persönlicher Adjutant Hi**ers, einer der Männer, die ihrem Führer bis in diesen Untergang folgen.

Am 30. April lässt Hi**er ihn zu sich rufen. Er kündigt sein Ende an und gibt Günsche einen letzten Auftrag: Seine Leiche und die von Eva Braun sollen verbrannt werden, damit nichts davon in sowjetische Hände fällt.

Kurz darauf ist Hi**er tot. Günsche hilft, die Leichen aus dem Bunker in den Garten der Reichskanzlei zu tragen. Benzin wird darübergegossen. Unter sowjetischem Artilleriebeschuss brennen die Körper, während über der Stadt längst eine andere Zeit beginnt.

Wenige Tage später sitzt Günsche nicht mehr neben Hi**er, sondern in sowjetischer Gefangenschaft. Und dort wird er auf einmal wichtig. Die Sowjets verhören ihn immer wieder, über Hi**ers letzte Stunden, seinen Tod, die Verbrennung, die Identität der Leiche.

Günsche erzählt. Aber ein neutraler Zeitzeuge ist er nicht. Er war SS Offizier, Hi**er persönlich ergeben, bis zuletzt Teil seines engsten Kreises. Seine Aussagen sind wertvoll und müssen zugleich kritisch gelesen werden.

1956 kommt er nach mehr als zehn Jahren Gefangenschaft frei, lebt danach zurückgezogen in Westdeutschland und stirbt 2003.

Ein Mann beseitigt die letzten Spuren eines Diktators und wird Jahrzehnte später selbst zur Quelle dafür, wie dieser Diktator Geschichte wurde.

Was hättet ihr an seiner Stelle getan?

Hinweis: Dieser Beitrag dient der historischen Aufarbeitung und Aufklärung über die Zeit des Nationalsozialismus. Er verherrlicht weder die dargestellten Personen noch deren Taten und Ideologie. Die Auseinandersetzung mit dieser Epoche ist wichtig, um aus der Geschichte zu lernen und Wiederholungen zu verhindern.

27. August 1946. Krakau. Vor dem Obersten Nationalen Tribunal Polens beginnt an diesem Tag der Prozess gegen Amon Göth, ...
27/08/2026

27. August 1946. Krakau. Vor dem Obersten Nationalen Tribunal Polens beginnt an diesem Tag der Prozess gegen Amon Göth, den ehemaligen Kommandanten des Lagers Płaszów.

Der Saal ist überfüllt.

Zahlreiche Journalisten sind erschienen, Universitätsprofessoren, Anwälte – die meisten Anwesenden aber sind Juden, die den Holocaust überlebt haben.

Als Göth wenige Wochen zuvor nach Krakau überstellt worden war, hatte eine aufgebrachte Menge versucht, sich an ihm zu vergreifen. Nur mit Mühe konnte die Polizei ihn vor der Lynchjustiz auf offener Straße schützen.

Den Vorsitz führt Dr. Alfred Eimer. Die Anklage stützt sich zu großen Teilen auf die Aussagen eines einzigen Mannes: Mieczysław Pemper.

Pemper war Göths persönlicher Stenograf gewesen – ein Posten, der ihm Einblicke verschaffte, die anderen Häftlingen in Płaszów verwehrt blieben. Er nahm Diktate auf, verwaltete Schriftverkehr, saß in unmittelbarer Nähe des Mannes, der über Leben und Tod im Lager entschied.

Einmal, so schilderte er es später, unterbrach Göth mitten im Diktat, griff nach einem Gewehr, schoss aus dem Fenster auf einen Häftling im Lagergelände und setzte sich anschließend wieder hin, als sei nichts geschehen.

Pemper sollte einfach weiterschreiben.

Genau dieses Wissen um interne Abläufe, Befehlsketten und Zuständigkeiten machte seine Aussage vor Gericht so gewichtig.

Bereits im Winter 1944/45 hatte die polnische Sonderkommission zur Untersuchung der NS-Verbrechen unter Dr. Jan Sehn Pempers Erinnerungen aufgezeichnet.

Die spätere Anklageschrift gegen Göth beruhte weitgehend auf diesem Material.

Der Anklage zufolge trug Göth allein in Płaszów die Verantwortung für den Tod von rund 8.000 Menschen, hinzu kam Mitschuld am Tod weiterer 2.000 Menschen bei der Auflösung des Ghettos Krakau-Podgórze.

Zeuge um Zeuge berichtete während des Prozesses von Erschießungen, Folter und willkürlicher Gewalt. Göth selbst zeigte sich demonstrativ desinteressiert – er polierte während der Verhandlung seine Fingernägel und wies jede Verantwortung von sich.

Die Schuld, so seine Verteidigungslinie, habe bei den SS-Vorgesetzten in Krakau und Berlin gelegen, nicht bei ihm.
1944 hatte die deutsche Besatzung begonnen, Płaszów aufzulösen. Massengräber wurden geöffnet, die Leichen exhumiert und verbrannt ein letzter Versuch, die Spuren des Geschehenen zu tilgen, bevor die Rote Armee näher rückte.

Am 5. September 1946 verkündete das Gericht das Urteil: Amon Leopold Göth, geboren 1908 in Wien, wurde in allen fünf Anklagepunkten für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Alle bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihm aberkannt, sein Besitz konfisziert.

Danach richtete Göth ein Gnadengesuch an Bolesław Bierut, den Präsidenten Polens, mit der Bitte, die Todesstrafe umzuwandeln. Bierut lehnte ab.

Am 13. September 1946, kurz vor 18 Uhr, wurde Göth im Gefängnis Montelupich zum Galgen geführt, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Anwesend waren neben den Vollstreckern nur fünf Personen: der Staatsanwalt, der Gefängnisdirektor, der Anstaltsarzt, der Gefängniskaplan und ein Protokollant.

Es war exakt der Tag, an dem sich Göths Verhaftung in Wien zum zweiten Mal jährte.

Ein Mann, der in Płaszów über das Leben anderer entschied, stand am Ende selbst vor einer Entscheidung über sein eigenes Leben. Diesmal lag sie nicht bei ihm.

27/08/2026

GLEIWITZ, 31. AUGUST 1939 – STUNDEN VOR DEM KRIEG

August 1939, wenige Minuten vor Mitternacht – die letzte friedliche Nacht, die Europa für die nächsten sechs Jahre erleben wird. Ich stelle mir oft vor, wie es gewesen sein muss, in dieser Nacht am Sender zu stehen. Draußen ist es still, so still, wie es nur in den letzten Friedensstunden Europas sein konnte. Dann stürmen Männer in polnischen Uniformen das Gebäude – und man weiß in diesem Moment noch nicht, dass man gerade Zeuge einer der zynischsten Inszenierungen der Geschichte wird.

Was hier passiert, ist von langer Hand geplant. Der SD unter Reinhard Heydrich nennt es intern „Unternehmen Himmler". Es soll aussehen wie ein polnischer Überfall auf deutsches Gebiet, und genau das ist der Punkt: Hi**er braucht keinen echten Angriff, er braucht nur einen glaubwürdigen. Die Wahrheit spielt in diesem Kalkül keine Rolle mehr.

Für die Glaubwürdigkeit braucht es einen Toten. Franz Honiok, ein polnischer Landwirt aus der Region, wird Tage zuvor von der Gestapo verhaftet. Er ahnt vermutlich nichts von dem, was ihm bevorsteht.

Man bringt ihn zum Sender, ermordet ihn und legt ihn so hin, dass er als gefallener „polnischer Angreifer" durchgeht. Ein Mensch, dessen einzige Rolle in dieser Nacht darin besteht, tot zu sein – als Requisite für eine Lüge, die er nie verstanden hat.

Wenige Stunden später, im Morgengrauen des 1. September 1939, überqueren deutsche Truppen die polnische Grenze. Hi**er tritt vor den Reichstag und spricht von polnischen Provokationen, die es so nie gegeben hat. Die Maschinerie der Rechtfertigung läuft, während irgendwo bereits die ersten Schüsse fallen.

Wenn ich an Gleiwitz denke, denke ich weniger an die große Weltgeschichte als an diesen einen Mann, der zur Nebenfigur einer Lüge wurde, aus der ein Krieg mit über 60 Millionen Toten erwuchs.

Genau darin liegt für mich die eigentliche Lehre dieser Nacht: Kriege beginnen selten mit der Wahrheit.

Wie viele der „Angriffe", mit denen Kriege heute gerechtfertigt werden, würden einer genaueren Prüfung eigentlich standhalten? Schreib es mir in die Kommentare.

23. August 1939 – Als Hi**er und Stalin Polen unter sich aufteiltenVor 87 Jahren unterschrieben Joachim von Ribbentrop u...
24/08/2026

23. August 1939 – Als Hi**er und Stalin Polen unter sich aufteilten

Vor 87 Jahren unterschrieben Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow in Moskau den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt.

Nach außen klang er harmlos. Keine Gewalt, kein Angriff, zehn Jahre Frieden.

Doch der entscheidende Teil stand nicht im Vertragstext.

In einem geheimen Zusatzprotokoll teilten Hi**er und Stalin große Teile Osteuropas in ihre Interessensphären auf. Polen wurde zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. Auch Finnland, die baltischen Staaten und Bessarabien wurden den jeweiligen Einflussbereichen zugeordnet.

Neun Tage später marschierte die Wehrmacht in Polen ein.

Am 17. September kam die Rote Armee von Osten.

Polen kämpfte damit gegen zwei Diktaturen gleichzeitig.

Was danach folgte, war für Millionen Menschen der Beginn von Besatzung, Terror, Deportation und Mord. Deutschland errichtete seine brutale Besatzungsherrschaft im Westen und in der Mitte Polens. Die Sowjetunion besetzte den Osten und begann ebenfalls mit Verhaftungen, Deportationen und Repressionen. 1940 ermordete der NKWD rund 22.000 polnische Staatsbürger – darunter Offiziere, Polizisten und Angehörige der polnischen Elite. Katyn wurde zum bekanntesten Schauplatz dieses Verbrechens.

Und währenddessen lief der Handel weiter.

Sowjetisches Öl, Getreide und andere Rohstoffe gingen nach Deutschland. Im Gegenzug lieferte das Deutsche Reich Maschinen, Technologie und Industrieausrüstung.

Diese Zusammenarbeit endete erst, als Hi**er am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel.

Der Hi**er-Stalin-Pakt war keine Liebesbeziehung zwischen zwei Ideologien. Hi**er und Stalin blieben politische und ideologische Gegner.

Aber für knapp zwei Jahre fanden zwei Diktatoren einen gemeinsamen Nenner: Macht, Territorium und die Aufteilung Osteuropas.

Der Pakt wurde in der Sowjetunion jahrzehntelang geleugnet. Erst 1989 wurde die Existenz des geheimen Zusatzprotokolls offiziell anerkannt.

Roger Moorhouse nannte sein Buch über diese ungewöhnliche Verbindung treffend „The Devil’s Alliance“.

Vielleicht liegt genau darin die unbequeme Erinnerung an den 23. August:

Geschichte wird nicht einfacher, wenn man nur eine Seite betrachtet.

Und Polen wurde 1939 nicht von einer einzigen Diktatur überrollt.

Es lag zwischen zwei.

**erStalinPakt

23/08/2026

DIE FARBE BLÄTTERT AB – UND DIE GESCHICHTE KOMMT ZURÜCK

Heute steht hier nur noch ein verlassener sowjetischer Kasernenbau.

Leere Flure. Zerbrochene Fenster. Rost an den Heizungen. Der typische Geruch eines Ortes, den seit Jahren niemand mehr braucht.

Aber dieser Ort hat mehrere Leben hinter sich.

Im Krieg befand sich hier ein Wehrmachtslazarett. Verwundete Soldaten kamen hierher, wurden operiert, gepflegt – und manche verließen das Gebäude nie wieder.

Nach 1945 änderte sich alles.

Die Sowjetarmee übernahm die Anlage. Wände wurden neu gestrichen. Alte deutsche Beschriftungen und Kampfparolen verschwanden unter mehreren Schichten sowjetischer Farbe. Eine neue Armee, eine neue Zeit, eine neue Geschichte.

Bis 1993.

Dann zogen die sowjetischen Soldaten ab.

Zurück blieb ein Gebäude, das plötzlich niemand mehr brauchte.

Seitdem holt sich die Natur den Ort Stück für Stück zurück. Wasser dringt durch die Dächer, Fenster zerbrechen, Putz fällt von den Wänden.

Und genau hier passiert etwas Faszinierendes:

Die Farbe verschwindet.

Unter dem sowjetischen Anstrich kommen ältere Schichten wieder ans Licht. Buchstaben. Markierungen. Reste von Beschriftungen. Spuren einer Zeit, die längst verschwunden schien.

Manchmal braucht Geschichte kein Museum.

Manchmal reicht eine Wand, die langsam ihre Farbe verliert.

Denn unter jeder Farbschicht liegt eine andere Geschichte dieses Ortes.

Und irgendwann blättert die jüngste davon einfach ab.

LENIN WOLLTE NICHT IN DIESEM MAUSOLEUM LIEGEN. UND TROTZDEM LIEGT ER DORT SEIT 1924.Ich stehe mitten auf dem Roten Platz...
21/08/2026

LENIN WOLLTE NICHT IN DIESEM MAUSOLEUM LIEGEN. UND TROTZDEM LIEGT ER DORT SEIT 1924.

Ich stehe mitten auf dem Roten Platz. Vor mir dieser schwere, dunkelrote Bau aus Granit. Davor Menschen, die darauf warten, einen Toten zu sehen, der seit mehr als hundert Jahren nicht beerdigt wurde.

Wladimir Iljitsch Lenin starb am 21. Januar 1924.

Sein eigener Wunsch war etwas ganz anderes. Er wollte in St. Petersburg neben seiner Mutter Maria Uljanowa beigesetzt werden. Einen monumentalen Kultort für seinen Leichnam hatte er nicht vorgesehen.

Doch nach seinem Tod begann innerhalb der sowjetischen Führung ein Streit darüber, was mit Lenin geschehen sollte.

Zunächst wurde sein Körper nur vorübergehend aufgebahrt. Hunderttausende Menschen sollten Abschied nehmen. Doch aus dem vorübergehenden Zustand wurde eine politische Entscheidung.

Besonders bitter ist dabei die Rolle seiner Frau Nadeschda Krupskaja.

Krupskaja war nicht irgendeine Witwe. Sie war seit den 1890er-Jahren Lenins engste politische Weggefährtin, Revolutionärin, Bolschewikin und später selbst eine wichtige Funktionärin der Sowjetunion. Sie hatte Jahrzehnte mit Lenin im Exil verbracht und kannte ihn besser als fast jeder andere.

Sie sprach sich gegen den zunehmenden Personenkult um ihren verstorbenen Mann aus.

Doch ihre Stimme setzte sich nicht durch.

Stattdessen wurde ein wissenschaftliches Team um den Anatomen Alexei Abrikossow und später den Biochemiker Wladimir Worobjow und den Anatomen Boris Subbotin mit der Konservierung beauftragt.

Lenins Körper sollte nicht einfach einbalsamiert werden.

Er sollte dauerhaft erhalten bleiben.

Dafür wurde ein Verfahren entwickelt, bei dem Haut und Gewebe regelmäßig behandelt werden. Das Mausoleum bekam eigene Spezialisten und Einrichtungen. Noch heute wird der Zustand des Körpers überwacht und regelmäßig konservatorisch behandelt.

Und damit wurde aus Lenin etwas, das er selbst vermutlich niemals hätte sein wollen:

eine politische Reliquie.

Die Sowjetunion erklärte Religion zur überholten Weltanschauung. Kirchen wurden geschlossen, Geistliche verfolgt und religiöse Symbole aus dem öffentlichen Leben verdrängt.

Und gleichzeitig entstand mitten in Moskau ein Ort, an dem Menschen Schlange standen, um einen konservierten Körper zu betrachten.

Lenin wurde zum Heiligen einer sozialistischen Staatsideologie.

Der Unterschied war nur:

Hier versprach niemand die Auferstehung.

Der Körper selbst sollte niemals verschwinden.

Bis heute liegt Lenin dort.

Und genau deshalb ist das Mausoleum für mich einer der seltsamsten Orte Moskaus.

Es ist kein normales Grab.

Es ist ein politisches Denkmal, ein Labor, eine Bühne – und vielleicht das letzte große Relikt einer Welt, die offiziell längst untergegangen ist.

Die spannende Frage ist deshalb nicht nur, warum Lenin noch dort liegt.

Sondern:

Was sagt es über Russland aus, dass man ihn bis heute nicht beerdigen kann? Kanntest du diese Geschichte?

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