27/03/2026
„Offener Brief zur Lage des deutschen Mittelstandes“
Michael Henry Berger
Geschäftsführer
Möbel-Service-Transport Elmar Kraus e.K.
Weidenweg 5
04249 Leipzig
Leipzig, 27. März 2026
An den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland
Herrn Friedrich Merz
Bundeskanzleramt
Willy-Brandt-Straße 1
10557 Berlin
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
ich schreibe Ihnen als Geschäftsführer eines mittelständischen Speditions-, Umzugs- und Montageunternehmens aus Leipzig mit 30 Mitarbeitern, darunter 5 Auszubildende. Wir transportieren, montieren, organisieren und lösen jeden Tag ganz praktische Probleme für Privatkunden, Firmen und öffentliche Auftraggeber. Wir bilden aus, zahlen Löhne, zahlen Steuern, zahlen Sozialabgaben und tragen Verantwortung.
Und genau deshalb schreibe ich Ihnen heute so offen:
Es reicht.
Der deutsche Mittelstand hält dieses Land noch immer am Laufen. Nicht auf Podien. Nicht in Talkshows. Sondern morgens früh im Lager, auf der Straße, beim Kunden, auf Baustellen, in Werkstätten und Büros. Wir sind die Betriebe, die anpacken, ausbilden, durchhalten und nicht einfach aufgeben.
Aber uns geht langsam die Luft aus.
Die Belastungen werden von Jahr zu Jahr größer. Mindestlöhne steigen, Sozialabgaben steigen, Krankenkassen steigen, Energie wird teurer, Diesel wird teurer, die CO₂-Bepreisung kommt oben drauf, dazu Berufsgenossenschaft, Gewerbesteuer, Umsatzsteuer, Maut, Auflagen, Nachweise, Formulare und eine Bürokratie, die mit der Wirklichkeit vieler Betriebe kaum noch etwas zu tun hat.
Viele Unternehmer haben inzwischen das Gefühl, für dieselbe Leistung immer wieder zur Kasse gebeten zu werden. Erst muss man das Geld verdienen. Dann wird es besteuert. Dann zahlt man auf Verbrauch, Energie, Kraftstoff, Mobilität und Abgaben noch einmal drauf. Und am Ende fragt die Politik, warum so wenig investiert wird.
Die Antwort ist einfach:
Weil kaum noch Luft dafür da ist.
Rücklagen sind in vielen Betrieben aufgebraucht oder stark geschrumpft. Investitionen werden verschoben. Fahrzeuge werden länger gefahren, als vernünftig ist. Neue Technik wird nicht angeschafft. KI-Projekte werden nicht begonnen. Digitalisierung wird auf später vertagt. Neue Mitarbeiter werden nur noch mit Vorsicht eingestellt. Selbst bei Ausbildungsplätzen wird genauer gerechnet.
Nicht weil wir keine Ideen hätten.
Nicht weil wir keine Lust hätten.
Sondern weil die Unsicherheit zu groß geworden ist.
Dazu kommen die geopolitischen Krisen. Kriege, Handelskonflikte, Sanktionen, kaputte Lieferketten, unsichere Märkte und eine immer stärkere Spaltung in politische und wirtschaftliche Lager sorgen dafür, dass kaum noch echte Verlässlichkeit da ist. Große Konzerne können weltweit ausweichen. Ein mittelständischer Betrieb aus Leipzig kann das nicht. Wir stehen hier. Mit unseren Mitarbeitern. Mit unseren Fahrzeugen. Mit unseren Kosten. Mit unserer Verantwortung.
Und genau in so einer Lage bräuchten wir eigentlich eine Politik, die Stabilität schafft.
Stattdessen haben viele Betriebe den Eindruck, dass auf fast jedes Problem nur mit noch mehr Belastung, noch mehr Bürokratie und noch mehr moralischer Belehrung reagiert wird.
Besonders bitter ist: Wer ehrlich arbeitet, legal beschäftigt, sauber abrechnet und ausbildet, ist am Ende oft der Dumme. Gleichzeitig nimmt Schwarzarbeit zu, graue Bereiche wachsen, und viele fragen sich längst, warum der Ehrliche immer mehr tragen soll, während andere sich entziehen.
So verliert ein Staat das Vertrauen der Menschen, die ihn eigentlich tragen.
Auch die Verschuldung auf Kosten der nächsten Generation macht vielen von uns Sorgen. Was heute politisch nicht gelöst, sondern auf Pump finanziert wird, zahlen morgen unsere Kinder und diejenigen, die unsere Betriebe einmal übernehmen sollen. Das ist kein verantwortungsvoller Kurs. Das ist Vertagen auf Kosten der Zukunft.
Hinzu kommt, dass selbst gesunde Unternehmen immer schwerer Nachfolger finden. Viele junge Menschen haben schlicht keine Lust mehr, sich in Deutschland eine solche Last ans Bein zu binden. Wer heute einen Betrieb übernehmen soll, übernimmt nicht nur Chancen, sondern einen Berg aus Abgaben, Bürokratie, Risiko, Unsicherheit und politischem Misstrauen gegenüber Selbstständigkeit und Leistung.
Das ist brandgefährlich.
Denn wenn der Mittelstand keine Nachfolger mehr findet, verschwinden nicht nur Firmen. Dann verschwinden Ausbildungsplätze, Erfahrung, regionale Struktur, Verlässlichkeit und ein Stück wirtschaftliche Stabilität dieses Landes.
Genauso unverständlich ist für viele von uns, dass im System offensichtlich riesige Sparpotenziale liegen, diese aber nicht ernsthaft genutzt werden. Statt Fehlentwicklungen bei Sozialausgaben, Verwaltung und staatlichen Strukturen konsequent anzugehen, wird immer weiter bei denen geholt, die ohnehin schon zahlen. Die arbeitende Mitte soll immer mehr tragen, während echte Reformen ausbleiben.
Auch beim Thema Wohnen sieht man, wie weit Politik und Realität inzwischen auseinanderliegen. Deutschland braucht Wohnungen. Stattdessen wird Bauen immer teurer, langsamer und komplizierter. Auflagen, Standards, Abstandsgebote, Energieanforderungen, Genehmigungen und Kosten haben ein Maß erreicht, das vielen Menschen und Firmen jede Luft nimmt. Bezahlbarer Wohnraum entsteht nicht durch schöne Reden, sondern durch weniger Hürden und mehr Realitätssinn.
Und noch etwas muss offen gesagt werden:
Viele Menschen aus der arbeitenden Mitte fühlen sich politisch nicht mehr vertreten. Sie haben das Gefühl, dass ihre Sorgen zwar gehört, aber nicht ernst genommen werden. Dass linke und grüne Politik in den letzten Jahren oft mehr aus Verboten, Umverteilung und moralischem Druck bestanden hat als aus wirtschaftlicher Vernunft, Sicherheit und gesundem Menschenverstand.
Ich sage dabei genauso klar: Ich lehne jeden Extremismus, jede politische Gewalt und jede Radikalität ab.
Aber es ist nicht extrem, wenn Bürger erwarten, dass ein Staat zuerst für Ordnung sorgt, seine Grenzen schützt, seine Sozialsysteme im Griff behält, Wohnraum für die eigene Bevölkerung ermöglicht und die wirtschaftliche Grundlage des Landes schützt. Es ist nicht fremdenfeindlich, das eigene Land handlungsfähig halten zu wollen. Es ist nicht unmenschlich, zuerst Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, dem eine Regierung verpflichtet ist.
Die Regierung ist dem Wohl des deutschen Volkes verpflichtet. Der Amtseid verlangt, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden und Gerechtigkeit gegen jedermann zu üben. Genau darum geht es: Verantwortung, Ordnung, Fairness und Vernunft. Nicht um Hass. Nicht um Ausgrenzung. Nicht um Radikalität.
Was wir brauchen, ist keine Politik der schönen Worte.
Wir brauchen eine Politik, die wieder an die Menschen denkt, die dieses Land jeden Tag am Laufen halten.
Wir brauchen:
weniger Belastung,
weniger Bürokratie,
bezahlbare Energie,
bezahlbaren Diesel,
eine faire Begrenzung der CO₂-Kosten,
stabile Sozialabgaben,
weniger Schulden zulasten der nächsten Generation,
echte Anreize für Investitionen,
mehr Schutz vor Schwarzarbeit und Missbrauch,
mehr Rückhalt für Familienbetriebe,
leichtere Unternehmensnachfolge,
mehr Realitätssinn beim Bauen und Wohnen,
und vor allem wieder eine Politik mit klarem Kompass.
Der Mittelstand will nicht jammern.
Der Mittelstand will arbeiten.
Der Mittelstand will ausbilden.
Der Mittelstand will investieren.
Der Mittelstand will seine Leute halten.
Der Mittelstand will dieses Land nicht spalten, sondern tragen.
Aber dafür braucht er Luft.
Noch halten viele von uns durch.
Noch verzichten Unternehmer auf sich selbst, um ihre Mitarbeiter halten zu können.
Noch wird ausgebildet.
Noch wird morgens aufgeschlossen und abends abgeschlossen.
Noch läuft der Laden.
Aber viele stehen mit dem Rücken zur Wand.
Darum bitte ich Sie: Nehmen Sie diesen Brief nicht als bloße Beschwerde. Nehmen Sie ihn als das, was er ist: ein deutliches Warnsignal aus der Mitte der realen Wirtschaft.
Wenn der Mittelstand fällt, fällt nicht irgendein Rand dieser Republik.
Dann bricht ihr tragender Kern weg.
Mit nachdrücklichen Grüßen
Michael Henry Berger
Geschäftsführer
Möbel-Service-Transport Elmar Kraus e.K.